Porträtfoto Wolfgang Siegel

Psychologischer Psychotherapeut · Fachpsychologe für Rechtspsychologie · Supervisor

Wolfgang Siegel

Über das Entgiften von Herz und Hirn

Mein Herz brennt für alles, was ein Leben gut macht.

Gute Psychotherapie verwandelt das angstvolle Kreisen um die eigene Person in einen Tanz mit anderen und mit der Welt. Braucht man für diese Verwandlung einen Tanzlehrer, einen Psychotherapeuten? Nicht unbedingt, behaupte ich.

Auf jede Person, der ich als Psychotherapeut helfen kann, kommen zehn neue Anfragen, oft voll Verzweiflung und Dringlichkeit. Sie müssen meist erst einmal Schlange stehen auf langen Wartelisten hinter 10, 20 oder gar 50 psychisch Notleidenden. Noch schaffen wir Therapeuten in unserer Praxisgemeinschaft in Dortmund-Kirchlinde den Rückruf. Für wenige Worte am Telefon bedanken sich viele ganz herzlich, selbst wenn wir sie auf monatelanges Warten verweisen müssen. Wir wissen, dass es für viele Anrufer noch schlimmer wird, wenn sie gar nichts vom Therapeuten hören, und rufen zurück.

Auf meiner Website zeige ich neue Perspektiven zur Bewältigung psychischer Krisen auf, die vielleicht die Abhängigkeit von Psychospezialisten auflösen können. Wie bringen wir uns selbst, gemeinsam mit anderen, das Tanzen auf dem Parkett des Lebens bei? Wie lernen wir klug um das bestmögliche Überleben zu kämpfen im Haifischbecken unserer Konkurrenzgesellschaft, in dem immer mehr Ahnungslose sich von der Geldgier fressen lassen – von der eigenen wie von der Profitgier anderer? Das Klopfen kann für den, der hartnäckig dran bleibt, ein guter Schritt aus der psychischen Klemme sein.

Psychotherapie handelt immer nur von Bruchstücken des Lebens. Beispielsweise kann das Trauma nach einem Arbeitsunfall gut behandelt werden. Das Leben als Ganzes ist viel umfassender – und nahrhafter. Die beste seelische Ernährung besteht darin, dass uns unser Leben total wichtig ist und wir uns weder verdummen, noch freiwillig ausbeuten lassen. Wurzeln schlagen und Flügel wachsen lassen, darum müssen wir uns selbst kümmern, das kann uns kein Arzt, kein Psychologe, kein Priester abnehmen.

Unser halbes Leben können wir im Alleingang aus eigener Kraft verschönern. Um uns auf die vollständige Befreiung hin zu bewegen, müssen wir darüber hinaus einen guten, nein den bestmöglichen Draht zu den anderen Menschen, zur Natur, zu unserer Arbeit und zu unserem Körper aufbauen. Weniger als bestmöglich kommt nicht in Frage, weil weniger bedeutet, dass ich mich mit meinen destruktiven Mustern abfinde. Dann wird es nichts mit Befreiung und Glück. „Bestmöglich“ heißt auch, dass ich nicht besser sein will, als ich bin. Denn das ist nicht möglich. Hören Sie damit auf, mit Ihrem Schicksal zu hadern und über die eigenen Unzulänglichkeiten zu klagen. Dann beginnt Ihr bestmögliches Leben. Das ist jederzeit möglich, egal ob Sie ein 18-Jähriger oder eine 80-Jährige sind, ob Sie Professorin oder Hilfsarbeiter sind, ob Sie sich von der vielen Arbeit fast erschlagen fühlen oder vor lauter Langeweile in der Arbeitslosigkeit ersticken, ob sie kerngesund sind oder sich mit körperlichen Schwächen herumschlagen.

Sehr neugierig schaue ich auf die Komplexität des Lebens. Ich studiere seit langem unsere Gemeinsamkeiten in der Psyche. Wir alle, Therapeuten wie Patienten oder Klienten, haben dieselbe „Hardware“. Wir funktionieren nach denselben Prinzipien. Warum sollten hilfreiche Erkenntnisse nur in der Therapie zur Anwendung kommen und nicht jedem Menschen im Alltag zur Verfügung stehen?

Viele psychische Probleme (ob es eines Tages für alle Probleme gilt, weiß ich nicht) können auch ohne Psychotherapeuten und Psychopharmaka aufgelöst werden, wenn man dahinter kommt, wie die Angstproduktionsmaschine uns zu kopflosen Schafen macht, die gierig alles fressen, um die Angst zu reduzieren – und nicht merken, dass sie nur ihre Angstmaschine füttern. Es ist mir jedes Mal ein großes Vergnügen, dieser Maschine den Garaus zu machen, auch wenn es erst einmal nur in Ansätzen geschieht. Denn es tut schon gut, wenn der Angstmotor wenigstens ins Stottern gerät. In meiner Website finden Sie viel Sand für Ihr Angstgetriebe. Und ich werde regelmäßig für Nachschub sorgen. Streuen müssen Sie den Sand schon selbst, um die Angstmaschine zum Stillstand zu bringen.

Die Angst vor unserem Innenleben“ ist der Brennpunkt all unserer Probleme. Die Angst vor dem, was wir fühlen, beispielsweise vor unseren traumatischen Erinnerungen oder vor den Verboten, die Eltern zu sehen, wie sie wirklich waren und sind, aus allem Unverdauten unserer Vergangenheit braut sich das Gift unserer Angst vor uns selbst zusammen, die Angst vor dem eigenen Fühlen und selbstständigen Denken, das uns von einem klugen und glücklichen Leben abhält.

Achtsamkeit“ ist ein neues Schlagwort, nicht nur in der Psychotherapie. Es ist eine Art Allheilmittel, das aber „richtig“ angewandt werden muss. Wenn der Geist ganz still wird (s. unten), dann kann er tatsächlich seine Probleme lösen. Achtsamkeit räumt das psychische Chaos auf, das jeder aus Hilflosigkeit in sich selbst erzeugt.

Klopfen“ ist ein neues, mächtiges, heilsames Instrument, das Therapeuten entwickelt haben. Damit kann die Angstproduktionsmaschine, die wir selbst in Gang halten, gestoppt werden und damit die Hälfte unserer Probleme gelöst werden. Klopfen schafft in uns Ordnung durch Achtsamkeit. Es kann von jeder Person universell eingesetzt werden zur Lösung kleiner und großer Probleme. Bedingung dafür ist, dass Ihnen Ihr ganzes Leben wirklich wichtig ist und Sie gewillt sind, alles Verdrängte ans Licht zu holen, damit es nicht mehr Ihr Leben beschweren kann.

Andersleben“ ist eine neue Antwort auf Probleme, die wir nicht allein lösen können. Diese andere Hälfte unserer Probleme entsteht aus dem Chaos in unseren mitmenschlichen Beziehungen, aus der Konkurrenz und der Gewalt. Wir müssen sie deshalb auch gemeinsam mit anderen Menschen zu einem Ende bringen. Es gibt so viel Freude und Freunde durch Verbundenleben. Nebenbei bemerkt, Geldverdienen gehört da nicht hinein.

Klopfen und Verbundenleben passen auch wunderbar zusammen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Stöbern auf meiner Website und in den Infobriefen, in denen ich über die Geschenke schreibe, die das Leben mir in Form von neuen Entdeckungen bereitet. Sie können alles kostenlos downloaden und mit dem Verweis auf meine Website weiterverbreiten. Soweit es mir möglich ist, gehe ich auch gern per E-Mail auf persönliche Fragen ein.

Niemand hat ein Patentrezept zum Glück, auch nicht Psychotherapeuten. Jeder Mensch kann nur für sich selbst herausfinden, wie er zufrieden leben kann. Unser aller Wohlbefinden entsteht nicht durch positives Denken, sondern durch gute Beziehungen zu den anderen Menschen, zu unserer Arbeit, zur Natur und durch achtsamen Umgang mit unserem Körper. Die Fähigkeit dazu gilt es zu entfalten.
Begleittext

Die Stille des Geistes

Entsprechend einer Anregung von Jiddu Krishnamurti können wir die Stille des Geistes mit einem See vergleichen:

Wenn ein See ganz still ist und glatt, dann spiegelt sich im See der Himmel und das ganze Ufer exakt wider. Ein Geist, der vollkommen still und ohne jegliche Beunruhigung ist, vermag das Leben, das ihn berührt, vollständig und direkt wahrzunehmen und entsprechend zu handeln. Ein Geist dagegen, der mit sich selbst beschäftigt ist, mit seinen Sorgen, Ängsten und all seinen Gefühlen, erzeugt eine innere Unruhe. Der See ist nicht mehr still, sondern unruhig. Wenn sich auf dem See Wellen kräuseln, verzerrt sich auch das, was in ihm gespiegelt wird. Ein Geist, der auch nur eine kleine Unruhe hat, nimmt die Welt nicht mehr unverfälscht wahr. Ist der See aufgewühlt und sind die Wellen richtig hoch, dann spiegeln sich in ihm keine Einzelheiten mehr wider, sondern nur noch die Farben seiner Umwelt. Ein erregter Geist bekommt von seiner Umgebung nicht mehr mit als grobe Stimmungen und Effekte.

Wenn in einen stillen See ein Stein fällt, dann erzeugt er Wellen, die sich von ganz allein verlaufen. Kleine Steine erzeugen kleine Wellenkreise. Ein Felsbrocken erzeugt eine große Wellenbewegung. Alle großen und kleinen Wellen werden jedoch allmählich immer kleiner und noch kleiner, bis sie sich schließlich vollständig aufgelöst haben. Der See nimmt sie alle auf und wird wieder still. In unserem Leben geschehen unvermeidlich Ereignisse, die unseren Geist beunruhigen, kleine Ereignisse, die uns ein wenig beunruhigen, und große Ereignisse, die uns tief erschüttern. Alle Ereignisse gehen vorüber und hinterlassen in einem ruhigen Geist keine Spuren.

Was ist also ein ruhiger Geist? Ein ruhiger Geist ist nicht mit sich selbst beschäftigt, er ist wie ein See, der keine Eigenbewegungen hat.

Die Eigenbewegung, die den Geist beunruhigt, ist das Denken. Damit sind nicht sachbezogene Gedanken, sondern gefühlsbeladene Gedanken gemeint. Dieses Denken ist die Fortsetzung von nicht vollständig verstandenen und damit noch nicht erledigten unangenehmen früheren Ereignissen. Bei ähnlichen Gelegenheiten werden diese Geschehnisse erinnert. Diese Erinnerung ist jetzt verknüpft mit unangenehmen oder gar bedrohlichen Gefühlen und der Sorge, das Schlimme könnte sich wiederholen. Die Gedanken kreisen dann entweder um das, was hoch gekommen ist, oder als Ablenkung um ganz andere Themen. Das Denken ist also die Beschäftigung mit vergangenen Erfahrungen, meist ohne dass man dies bewusst merkt. Jeder selbstbezogene, meist sorgenvolle Gedanke wirkt in uns genauso wie ein äußeres Ereignis, wie ein Stein, der in den See fällt. Er erzeugt Unruhe und kreisförmige Wellen, die dann aber immer unwichtiger und kleiner werden, bis sie verschwinden.

Der Geist wird also sowohl durch äußere Ereignisse als auch durch auftauchende Gedanken beunruhigt. Wenn wir die äußeren Ereignisse und unsere Gedanken einfach nur zur Kenntnis nehmen, dann erzeugen wir keine Probleme für uns. Wenn wir etwas Vergangenes, das sich irgendwie meldet, nur vollständig wahrnehmen, ohne es verändern zu wollen, dann klärt es sich in der Stille von allein auf. Unsere Beunruhigung verwandelt sich jedoch in ein Problem, wenn wir gegen die Beunruhigung vorgehen wollen. Denn dadurch erzeugen wir immer neue Gedanken. Wir werfen gewissermaßen die alten Steine immer wieder neu in den See, der dann nicht zur Ruhe kommen kann. In einem solch aufgewühlten See sind seine „Eigenbewegungen“ kaum oder gar nicht mehr zu unterscheiden von den Wellen, die durch die neuen Steine verursacht werden. Erst wenn wir aufhören, über unsere Probleme und unsere Beunruhigung nachzudenken, bringt der stille Geist seine immense Fähigkeit zur Geltung, Einsichten und rechtes Handeln hervorzubringen. Er ist in der Lage, alle Ereignisse ohne jegliche Nachwirkungen aufzunehmen wie ein stiller See alle Steine und die von ihnen erzeugten Wellen.

Nehmen Sie meine Ausführungen mit einem stillen Geist auf, soweit es Ihnen möglich ist und wenn Sie dies auch wollen. Falls Sie dadurch an bestimmten Punkten beunruhigt werden, so geben Sie dieser inneren Beunruhigung Raum, mag die Unruhe auch noch so unwichtig erscheinen. Denn wir schieben unsere Unklarheit oft mit schönen Argumenten weg, um uns nicht ernsthaften Fragen stellen zu müssen. Wenn ein grenzenloser innerer Raum da ist, kann sich klären, was die Unruhe eines negativen Gefühls Ihnen „sagen“ möchte. Sobald Sie Klarheit haben, ist die innere Ruhe wieder da. Falls sich nichts klärt, ist es auch nicht schlimm, dann ist die Zeit dafür vielleicht noch nicht da. Wenn wir uns nicht unter Druck setzen und von anderen unter Druck setzen lassen, dann berührt uns immer nur soviel, wie wir auch bewältigen können. Alles, was in uns in Unordnung ist, wird sich irgendwann wieder melden, wenn die Zeit dafür da ist. Das Leben mit seinen ewig neuen Herausforderungen gibt uns immer eine neue Chance für ein vollständiges Verstehen.

Persönliche Daten

Lebenslauf

Wolfgang Siegel als Abiturient
Abiturient · 1967
Wolfgang Siegel als frisch gebackener Diplom-Psychologe
Frisch gebackener Diplom-Psychologe · 1976
  • 1948bei Braunschweig geboren
  • 1967altsprachlich-humanistisches Abitur am Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig
  • 1967 – 1970Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr
  • 1970 – 1976Studium der Psychologie
  • seit 1977Tätigkeit als Diplom-Psychologe
  • 1980Beginn meiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der BGW
  • 1986Tschernobyl hat mein Leben und mein Denken verändert, die eigene Widersprüchlichkeit wurde mir bewusst
  • 1989Kriegsdienstverweigerung wegen der Nachrüstungspläne der NATO trotz Gorbatschow
  • seit 2001Neue Einsichten in die Angst … Lebensinhalt auf der Grundlage systematischer Studien der Hinweise von Jiddu Krishnamurti. Ich halte ihn mit seiner Einfachheit für den gründlichsten und scharfsinnigsten Denker, Philosoph und Psychologen der Neuzeit.
  • seit 2012Aufnahme der Klopftherapie in mein Behandlungskonzept in Form einer eigenen Weiterentwicklung.
  • Juli 2013Hypnose-Ausbildung bei meinem Freund Norbert Preetz, Magdeburg
  • seit Jan. 2014Initiator und Vorsitzender des Vereins Die Freunde von PROKON e. V. mit über 6.000 Mitgliedern. Wir haben die Umwandlung der insolventen Prokon GmbH in die PROKON-Genossenschaft durchgesetzt. Von August 2015 bis Oktober 2017 stv. Vorsitzender des Aufsichtsrats der PROKON eG. 2016 bis 2018 Aufsichtsrat vom Bündnis Bürgerenergie BBEn.
Berufliche Stationen

Beruflicher Werdegang

  • 1970 – 1971Studium der kath. Theologie in Münster/Westf.
  • 1970 – 1976Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster/Westf. mit Abschluss als Diplom-Psychologe
  • 1977 – 2006Klinischer Psychologe in einer Psychiatrischen Abteilung für Erwachsene an einem Allgemeinkrankenhaus in Dortmund. In 30 Jahren Arbeit in der stationären, tagesklinischen und ambulanten Psychiatrie habe ich alle Arten und Schweregrade von psychischen Störungen und Erkrankungen kennen gelernt und behandelt bzw. mitbehandelt.
  • 1986 – 2003Supervisor im Studiengang Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum mit der Aufgabenstellung der Praxisanleitung von Verhaltenstherapeuten während ihrer klinisch-psychiatrischen Ausbildungsphase.
  • seit 1987Sachverständiger für die Sozialgerichte / Landessozialgericht NRW mit dem Schwerpunkt der Begutachtung in Rentenverfahren.
  • 1992 – 1994Mitarbeiter bei Prof. Burkhard Schade, Arbeitsstelle für Forensische Psychologie an der Universität Dortmund, mit dem Schwerpunkt Sorgerechts-/Umgangsrechtsgutachten und Scheidungsmediation.
  • 1992Eröffnung der eigenen Praxis als 3. Kollege der Praxisgemeinschaft in Dortmund-Kirchlinde.
  • seit 1995Supervision von Psychotherapeuten in Ausbildung, die in meiner Praxis mitarbeiten.
  • seit 1999Ausbildungspraxis für das verhaltenstherapeutische Ausbildungsinstitut AFKV in Gelsenkirchen.

Ehrenamtliche Tätigkeit

Aus- und Weiterbildungen

Fachliche Qualifikationen

  • 1976Diplom für Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
  • 1993 – 1997Ausbildung als Verhaltenstherapeut am KLVT in Köln
  • 1994Ausbildung zum Sexualtherapeuten
  • 1996Anerkennung als Supervisor im Studiengang Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum, danach durch die kassenärztliche Vereinigung
  • 1997Anerkennung als kassenzugelassener Verhaltenstherapeut
  • 1999Approbation und Kassenzulassung als Psychologischer Psychotherapeut
  • 2003Anerkennung als Fachpsychologe für Rechtspsychologie BDP/DGPs
  • 2013Hypnotherapeut, zertifiziert durch Dr. Norbert Preetz, damals Omni Hypnose Center Magdeburg
Persönliches

Die Entdeckung der Verbundenheit

Zum Jahrestreffen des Krishnamurti-Forums in Weilburg · 9. Mai 2004 abends

Es ist in mir so sehr viel geschehen auf dem Jahrestreffen des Krishnamurti-Forums in Weilburg in den vergangenen vier Tagen. Ich hatte ein solches Bedürfnis, darüber zu schreiben. Aber erst einmal hatte ich wieder diese lästigen Schmerzen im Auge. Seit ich mir vor Weihnachten mit einem Knochen vom Gänsebraten eine Hornhautverletzung im rechten Auge zugezogen habe – komisch, aber unangenehmerweise wahr – habe ich des Öfteren am Morgen ein schmerzhaftes Reiben im Auge. Manchmal, so wie heute, bleibt es den ganzen Tag bestehen und verhindert, dass ich mich auf etwas konzentrieren kann. Also bin ich früh ins Bett gegangen und nach zwanzig Minuten schmerzfrei aufgewacht, so dass ich jetzt endlich mit klarem Blick schreiben kann, was mit mir geschehen ist.

Vor einigen Monaten hatte ich den Organisatoren mitgeteilt, dass ich, angeregt durch Krishnamurti mit der schärferen Sicht auf das Denken, einige interessante Beobachtungen in der Bewältigung psychischer Probleme gemacht habe, die ich auf dem nächsten Jahrestreffen einbringen könnte. Und schon wurde ich im Programm als Moderator einer Gruppe vorgestellt. Ich war nur im vergangenen Jahr, also bisher erst einmal als Teilnehmer auf dem Treffen, nicht einmal Mitglied der Organisation. Aber die dort erlebte Offenheit und das Fehlen von jedem ideologischen Druck haben mich so sehr angesprochen, dass ich bereit war, diese Aufgabe zu übernehmen.

In den Begegnungen, die das Krishnamurti-Forum organisiert, haben die Teilnehmer die Möglichkeit, sich in den zentralen, existenziellen Fragen des eigenen Lebens mit anderen Suchenden auszutauschen und gemeinsam eine größere Tiefe des Verstehens zu erreichen, als es vielleicht allein möglich ist. Ich hatte keine Angst, etwas falsch zu machen. Denn mir war klar, dass nicht der Moderator die Verantwortung für die Gruppenerfahrung trägt, sondern die gesamte Gruppe. Es geht dabei nicht um Therapie und therapeutische Verantwortung, sondern wir wollen auf diesem Treffen mit den Hinweisen von Krishnamurti einen Austausch über unsere Erfahrungen und Beobachtungen in der Selbsterkenntnis machen. Und für die Selbsterkenntnis ist nun einmal jeder selbst verantwortlich. Der Moderator hat nur die Aufgabe, Anregungen zu geben, mit denen dann die Teilnehmer etwas anfangen oder auch nicht. Vielleicht hat er auch gar keine besondere Rolle. All das ist nicht festgelegt.

Oberflächlich gesehen fühlte ich so keine Verantwortung. Aber es war ein gewisser innerer Druck vorhanden, meine Erkenntnisse weitergeben zu wollen. Schon im telefonischen Vorgespräch mit Bernd ein paar Tage vorher hat er mich tief getroffen. Er hat mich aufmerksam gemacht, dass man den anderen nicht wirklich wahrnimmt, wenn man ihm etwas beibringen möchte, damit er schneller zu Selbsterkenntnis kommt. Ich hatte schwer zu schlucken an dem Bewusstwerden, dass ich den Gesprächspartner nur durch achtsames Zuhören in dem Prozess des Sich-Selbst-Erkennens unterstützen kann, aber nicht dadurch, dass ich ihn berede.

Es ging mir zwei Tage nicht gut, vor allem als ich merkte, dass es auch Auswirkungen auf meine therapeutische Arbeit hatte. Denn ich musste feststellen, dass ich auch dort zwei Patienten nicht gut getan habe, indem ich vorschnell meine Sicht ihrer Probleme dargelegt habe und nicht wirklich darauf geachtet habe, was für sie wichtig war.

Unmittelbar vor dem Treffen war ich jedoch wieder guten Mutes, weil ich mit größerer Klarheit die Bedeutung von wirklichem Zuhören erkannt hatte. Wenn wir bedingungslos dem anderen zuhören, ohne eigene Bewertungen, Interpretationen und ohne dabei an die eigenen Geschichten zu denken, entsteht eine hohe Intensität im gemeinsamen Erkenntnisprozess.

Schon in der Eröffnungsrunde der fast dreißigköpfigen Gesamtgruppe am Donnerstagabend war eine große Achtsamkeit vorhanden. Die persönliche Vorstellung des Einzelnen sollte sich auf die Frage der Motivation für dieses Treffen und für den persönlichen Bezug zu Krishnamurti beziehen. Die äußeren Personenmerkmale kamen nicht zur Sprache. Man musste nicht sprechen, die Vorstellung ging auch nicht der Reihe nach vonstatten. Sondern wer wollte, berichtete über sich und seine zentralen Fragen. Es ist danach eine kleine oder auch eine längere Pause entstanden, bis der nächste über das spricht, was ihm wichtig ist für die kommenden Tage.

Die meisten Teilnehmer haben sich geäußert, mit wenigen Worten oder auch langatmig. Und es war für alle Redner eine konzentrierte Aufmerksamkeit vorhanden. Wir konnten feststellen, dass die sehr unterschiedlichen Facetten, die vorgetragen wurden, im Grunde genommen alle wesentlichen Bereiche des Lebens berührten. Das Thema des Treffens „Gemeinsam Lernen“ hatte in uns Platz genommen und erhielt durch das Video mit Krishnamurti eine weitere Vertiefung.

Den ersten Tag in meiner Gesprächsgruppe habe ich als außerordentlich intensiv erlebt, weil durch das Zuhören des jeweils Sprechenden eine weitgehend angstfreie Atmosphäre entstand, die ein ernsthaftes Betrachten des eigenen Egos, der eigenen Denkerei, des häufigen Mangels an Verständnis für den anderen möglich wurde.

Dort habe ich zum ersten Mal unmittelbar erlebt, dass die Beiträge auch der Menschen, deren Art zu reden so oft nervt, außerordentlich fruchtbar sind, wenn man ihnen wirklich zuhört. Theoretisch war mir das schon klar, aber wenn man sich trotzdem über das Reden anderer ärgert, hat man noch gar nichts kapiert. Die Vielredner, denen die Gruppe aufmerksam zuhört, kamen immer deutlicher und schneller zur Sache. Auch den Verschlossenen, die nur in Andeutungen reden, wurde aufmerksam zugehört. Dass sie mich nervten, weil ich meinte, dass sie sich bedeckt halten oder vorbei reden, zeigte nur, dass ich meine Bewertung über das, was offen- oder wichtig sei, hineinbringe. In Wirklichkeit nervt mich mein Urteil, weil ich den anderen nicht so annehme, wie er ist – und die Schuld suche ich dann bei ihm.

Diesen ganzen Mechanismus konnte ich bei mir beobachten und weitgehend loslassen. In dieser Gruppe fingen die Zurückhaltenden an, immer offener zu sprechen, als sie die volle Aufmerksamkeit ohne jegliche Ungeduld spürten. Und auch, wenn jemand sich gar nicht äußerte, spürte ich seine Beteiligung an dem Prozess. An diesem Tag habe ich erlebt, dass die Probleme, die ich mit bestimmten Menschen und mit ihren Eigenarten habe, meine eigenen Probleme sind. Ich konnte beobachten, wie die innere Spannung, die bei bestimmten Äußerungen anderer entsteht, das Ergebnis meines Denkens, Folge des Urteils meines Egos ist. In dem Moment, in dem ich mir meiner eigenen Denkerei, die die Achtsamkeit für den anderen zerstört, bewusst werde, geschieht die erneute Zuwendung zu ihm. Ich konnte den Sinn auch der lästigen, scheinbar völlig daneben liegenden Äußerungen erkennen und alle negativen Gefühle über schwierige Gruppenteilnehmer verwandelten sich in ein Entdecken bisher nicht bewusster Aspekte der gemeinsamen Erkenntnis und in ein sehr gutes Gefühl zu allen Mitgliedern der Gruppe.

All die existentiellen Themen vom Denken, Fühlen und Miteinander Umgehen, die berührt wurden, kann ich hier nicht aufführen. Es ging aber dabei für mich immer auch darum, wie ich die Beziehungen in der Gruppe gestalte, indem ich auf die vom Ego gestörte Aufmerksamkeit für den anderen Acht gebe. Gleichzeitig hatte ich das klare Gefühl, dass alle anderen sich in gleicher Weise darum bemühten. In uns allen war das Thema gemeinsam Lernen verankert.

Aber das eigene Ego gibt nicht so leicht auf; es bemächtigt sich auch der positiven Erkenntnisse. Ich stand am zweiten Gruppentag unter dem Druck, dass diese Achtsamkeit auch von allen eingehalten werden sollte und es entstand die Gier nach noch mehr und noch tieferer Erkenntnis. Ich dachte, dass ich mich doch um den Prozess gut bemühen muss und merkte erst gar nicht, dass mein eigenes Denken als Überzeugung, wie der Erkenntnisprozess zu sein hat, sich ganz diskret verstärkte.

Ich habe rückwirkend den Eindruck, dass ich zeitweise in eine – schlechte – Therapeutenrolle schlüpfte und kopflastige Erklärungen abgab. Einige Teilnehmer sagten dann auch, dass sie mich nicht richtig verstehen. Diese Aussagen machten sie aber aus einer mir zugewandten Haltung heraus, die für mich eine neue Erfahrung mit sich brachte, nämlich dass ich es nicht ärgerlich oder schlimm fand, wie ich agiert habe. Sondern ich war in der Lage, mir mein Denken und Verhalten genauer anzusehen. Hilfreich war dabei, dass in einem Zweiergespräch in einer Pause mir ein Teilnehmer sagte, in bestimmten Situationen würde ich in eine leichte Predigerstimmung kommen, für die er aufgrund seiner Kirchenvorgeschichte sehr sensibel sei. So wurde mir in einer neuen Qualität bewusst, dass die besten Gedanken immer noch Gedanken des Egos sind. Das Ego schweigt nur, wenn ich mich dem anderen vollständig zuwende, oder natürlich auch der Natur, was aber hier nicht mein Problem ist.

In der letzten Nacht ergab sich zufällig unter vier der Moderatoren ein langes intensives Gespräch über das, was über unser Denken hinaus reicht, über diese andere Dimension, die der Verstand nicht zu erfassen vermag, über das Ursprüngliche, das Schöpferische, wie Krishnamurti es in einem der Videos versucht hat zu erklären. Wir hatten deutliche Meinungsverschiedenheiten in der kleinen Gruppe, ob und wie man darüber sprechen sollte. Wir konnten es nicht klären, weil die anderen dann zu müde waren und weit nach Mitternacht ins Bett gehen wollten.

Ich war noch hellwach, und auf meinem Zimmer habe ich plötzlich die eigentliche Dimension, um die es in unserem Leben letztlich geht, gesehen und gefühlt. Es geht darum, in Verbindung zu allen Menschen, zu dem ganzen Leben zu stehen. Es geht darum, in der Liebe zu sein, nicht die Liebe, nach der wir uns sehnen aus der Angst vor dem Alleinsein. Das ist nicht Liebe, das ist Abhängigkeit.

Ich kann nur schwer über diese andere Liebe schreiben, die in mein Bewusstsein getreten ist. Es kommen mir die Worte von Paulus im Neuen Testament in den Sinn. Sein Erwachen, das er beschreibt bei seiner Entdeckung der Liebe, führte jedoch zu einem Predigen, zu einem Konzept von Liebe, die schon keine Liebe mehr ist, sondern eine Bemächtigung der Erfahrung von Liebe durch das denkende Ego, das diese Entdeckung verwerten will und schließlich eine Kirche aufbaut, die irgendwann anscheinend den Kontakt zu diesem Urgrund des Seins, der Liebe, verloren hat.

Das sind neue Gedanken, die mir jetzt beim Schreiben kommen. Ich möchte aber weiter berichten über das Erlebte. Mein tatsächlicher Kontakt zu dem, was unendlich da ist und das alles miteinander verbindet, mein Kontakt zur Liebe, wird in dem Moment möglich, wenn das Denken an mich, die Selbstisolation des Denkens aufhört, genauso wie ich es in den intensiven Momenten des Zusammenseins in der Gruppe erlebt habe. Wenn ich vollständig auf den anderen Acht gebe, gibt es das Ich nicht mehr, nur noch das Verbundensein. Und es verschwindet in dem Moment, wo ich wieder irgendetwas vertrete und propagiere, und sei es auf noch so kluge Weise den Krishnamurti.

Es ist nicht dieser oder jener falsche oder richtige Gedanke, es ist jeder Gedanke, der sich mit mir selbst beschäftigt. Es werden gewiss neue Fragen, neue Themen, neue Probleme auftauchen. Ich spüre keine Angst, keinen Respekt mehr vor dem Ego, ich muss mich damit nicht mehr beschäftigen. Wenn es sich meldet, werde ich humorvoll mit ihm spielen, mir scheint das ist die einzig sinnvolle Art, ihm zu begegnen. Das wird mir gerade beim Schreiben klar.

Doch für dieses tiefere, unzweifelhafte Erkennen der Verbundenheit, der Liebe als den Urgrund und den Sinn meines Daseins und als Orientierung in den Begegnungen des Lebens, wie es in der vergangenen Nacht auf meinem Zimmer geschah, bin ich unendlich dankbar, den Teilnehmern des Jahrestreffens, Krishnamurti, der Tagungsstätte und dem Zimmer, in dem diese Klarheit entstand, und dem Wald, auf den ich schauen konnte.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, dass ich mich mit allem verbunden fühle, das nichts und niemanden ausschließt.

Anmerkung: Auch 12 Jahre später, 2016, ist diese Einsicht, die mein Leben verändert hat, vorhanden – anscheinend unzerstörbar – und öffnet den Zugang zu einer enormen Lebensenergie.